Helmut Menzel – Rougher Than Rough
Helmut Menzel entwickelte für Weiden neue keramische Gefäße: Sie sind anwendbar, besitzen aber eine deutliche körperliche Präsenz. Man kann sie als Vasen oder Gefäßkörper lesen, als Servierplatte oder Becher. Zugleich treten sie als plastische Objekte auf, die eher gebaut als geformt wirken. Ihre Proportionen sind gestaucht, gestapelt, aufgerichtet. Kanten, Absätze und Nahtstellen bleiben sichtbar. Die Gefäße zeigen ihre Entstehung, ohne daraus eine erzählerische Geste zu machen. Ausgangspunkt der meisten Arbeiten sind Holzmodel. Der Ton wird in diese Formen gedrückt und übernimmt damit zunächst eine Struktur, die schon vorhanden ist. Ähnlich funktioniert die Überschlagtechnik.
Andere Körper werden vor dem Glasieren mit der Bohrfräse bearbeitet. Die Formen arbeiteten also mit einer Vorgabe, sie entstehen durch Abdruck, Druck und anschließende Bearbeitung. Bevor die Glasur die Form zusammenfasst und der Brand sie endgültig fixiert, wird eine harte, raue Grundstruktur gesucht und als gegeben angesehen. Diese Arbeitsweise ist für Menzel wesentlich. Die eigene Handschrift soll im Objekt nicht als unmittelbarer Ausdruck erscheinen. Sie wird begrenzt, verschoben und an die verschiedenen keramischen und bildhauerischen Verfahren gebunden: Das Model gibt eine Form vor. Das Werkzeug setzt Spuren, die sich der freien Modellierung entziehen. Die Glasur reagiert auf Kanten, Vertiefungen und Dichte des Materials. Der Brand verändert nochmals, was zuvor entschieden wurde. Menzel arbeitet mit diesen Fremdbestimmungen, statt sie zu kaschieren. Auch die Farbigkeit folgt diesem Gedanken. In früheren Arbeiten Menzels spielten Wachs- und Papiermasken eine größere Rolle.
Die neuen Gefäße sind vergleichsweise direkt glasiert. Auch wenn mehrere Schichten aufgetragen werden, sitzen Gelb, Rot oder Weiß blockhaft auf den Körpern. Die Farbe wirkt weniger wie Malerei auf einer Oberfläche, sie gehört zur Konstruktion des Gefäßes, legt Bereiche fest und macht Übergänge sichtbar. Gerade die Einfachheit der Glasur lässt die plastische Struktur stärker hervortreten. Die Objekte behalten eine Nähe zum Gebrauch. Öffnung, Stand, Innenraum und Volumen verweisen auf das Gefäß. Gleichzeitig wird diese Vertrautheit immer wieder verschoben. Ein Becher wird zum aufgerichteten Körper, zum Blütenkelch vielleicht. Eine Vase wirkt wie ein kleiner Turm. Ein Tablett erscheint als reliefartige abstrakte Form. Die Arbeiten nutzen bekannte keramische Typen, ohne in ihnen aufzugehen. Rougher than rough zeigt Keramik als ein Medium, in dem Formgebung und Kontrollverlust eng beieinanderliegen. Menzel setzt Verfahren ein, die Wiederholung ermöglichen, und nimmt zugleich in Kauf, dass jedes Stück anders ausfällt.
Die serielle Anlage führt zu Einzelobjekten, deren Unterschiede aus Material, Druck, Glasur und Brand entstehen. Die Arbeiten wirken dadurch roh und präzise zugleich. Ihre Kraft liegt weniger in einer spektakulären Geste als in der Spannung zwischen Vorgabe und Abweichung. So entstehen Gefäße, die ihre Funktion mitführen und doch skulptural gedacht sind. Sie stehen im Raum als kompakte Körper, in denen sich die Hand des Künstlers gerade dort zeigt, wo sie sich zurücknimmt. Diese Ausstellung wird durch die Unterstützung des Freundeskreises „Die Keramischen e.V.“ ermöglicht.