Einführung

Auf rund 1000 Quadratmetern zeigt das Internationale Keramik-Museum Handwerkserzeugnisse, kostbare Kunstwerke und innovative Designentwürfe aus sieben Jahr tausenden Kunst- und Kulturgeschichte. Beginnend bei der einfachen Irdenware über Fayence/Majolika, Steinzeug und Steingut bis hin zum Porzellan, veranschaulichen die Ausstellungsstücke die verschiedensten Facetten und Techniken der Keramik.
Das Museum ist ein Zweigmuseum der Neuen Sammlung – The Design Museum. Träger des Museums ist die Stadt Weiden in Kooperation mit dem Freistaat Bayern. Ermöglicht wurde die Einrichtung dieses Zweigmuseums im Rahmen des 1979 von der Bayerischen Staatsregierung verabschiedeten Museumsentwicklungsprogramms. Die Neue Sammlung erarbeitete dafür ein neuartiges Konzept, das inhaltlich auf die spezifische Kultur- und Wirtschaftsgeschichte von Weiden und der Oberpfalz reagiert und organisatorisch die reichen Schätze der Staatlichen Bayerischen Museen mit einbindet.
Das Internationale Keramik-Museum befindet sich im sogenannten „Waldsassener Kasten“. Die ursprünglichen Pläne für dieses barocke Wirtschaftsgebäude stammen von Johann Jacob Philipp Muttone (1699-1775). Als Baumeister und Baudirektor des knapp 50 Kilometer entfernten Klosters Waldsassen spielte Muttone eine wichtige Rolle für die barocke Architektur der Region.
Nach umfassender Renovierung und Umgestaltung zum Museum präsentiert das Haus seit April 1990 Keramiken der Staatlichen Antikensammlungen, der Archäologischen Staatssammlung, des Museums Fünf Kontinente, des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst, des Bayerischen Nationalmuseums und der Neuen Sammlung – The Design Museum. Hinzu kommen zahlreiche wechselnde Ausstellungen. Mit dieser einzigartigen Kombination von Keramiken aus sechs bayerischen Staatsmuseen und einer kommunalen Sammlung sowie ausgewählten Projekten lenkt das Museum den Blick über Europa hinaus auf andere Kontinente und Kulturen.

Die Neue Sammlung

Die Anfänge der modernen Keramik gehen auf die Zeit des Jugendstils zurück. Unter dem Einfluss Japans entstanden frei fließende Glasuren, die häufig von der Natur inspirierte Formen überzogen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts setzte eine weitere Befreiung der funktionsbestimmten Keramik ein. Die Entwicklung führte über das künstlerisch gestaltete Unikatgefäß bis zur keramischen Plastik und zur künstlerischen Installation. Keramik als Kunstform begann sich seit den 1960er-Jahren endgültig zu etablieren. Damit war die Grundlage geschaffen für die Keramik von heute, die in ihrer pluralistischen Vielfalt zwischen Kunst und Gebrauch angesiedelt ist.

Staatliche Antikensammlungen

Zeitlich umfassen die ausgestellten Exponate die Jahrhunderte zwischen ca. 900 v. Chr. bis ca. 300 v. Chr. Sie stehen exemplarisch für die verschiedenen Zeiten und ihre Stile: die geometrische Zeit (1000–700 v. Chr.), die archaische Zeit (700–480 v. Chr.), die klassische Zeit (480–323 v. Chr.) und die hellenistische Zeit (323–30 v. Chr.). Nach den abstrakt-geometrischen Dekoren entwickelt sich die schwarzfigurige Vasenmalerei in Korinth, die um 530 von der rotfigurigen Vasenmalerei in Athen abgelöst wird. Keramik diente als Grabbeigabe, Haushaltsware und Handelsgut.
Ein Großteil der Gefäße befinden sich als Dauerleihgaben des Wittelsbacher Ausgleichsfonds (WAF) in den Antikensammlungen.

Archäologische Staatssammlung

Ausgrabungen in Bayern brachten Keramiken aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte zu Tage – von der Stein-, Bronze- und Eisenzeit über die Römerzeit und das Mittelalter bis hin zur Neuzeit. Die Objekte der Abteilung „Mittelmeerraum und Orient“ dienen dazu, die Entwicklung der archäologischen Leitform Keramik in übergreifenden kulturellen Zusammenhängen darzustellen. Neben Gefäßen und Geschirr für den täglichen Gebrauch gab es auch Sonderformen für Kult- und Opferbräuche. Außerdem diente Ton auch als Schriftträger oder Lehm als Baumaterial, wie die Beispiele aus Mesopotamien belegen.

Museum Fünf Kontinente

Noch auf die Vorinkazeit gehen die Arbeiten im vorspanischen Peru zurück, etwa die Arbeiten der Nazca Kultur (100 v. Chr.–700 n. Chr.), der Chimú-Kultur (1100–1450) oder der Chancay Kultur (1000–1450). Aus Multan in Pakistan stammt dagegen die berühmte blaue Keramik, deren Wurzeln Jahrhunderte zurückliegen und deren Dekore eine Mischung aus persischen und südasiatischen Einflüssen widerspiegeln.
In Thailand verweist die Keramik mit charakteristischen roten Dekoren auf die Jahrtausende alte Tradition der Ban Chiang-Kultur.

Staatliches Museum Ägyptischer Kunst

Keramik aus dem Alten Ägypten und Nubien ist ebenso vielfältig wie diese Kulturen selbst und zugleich ein wichtiges archäologische Mittel zur Datierung. Gefäßformen, Oberflächenbehandlungen wie Glätten, Polieren, Engobieren und Bemalung prägen jede Epoche. Die Technik entwickelte sich von handgeformten Gefäßen über frühe Drehvorrichtungen bis zur Töpferscheibe. Die Vitrinen zeigen diese Entwicklung ebenso wie den vielfältigen Einsatz von Keramik und Fayence über reine Gefäßformen hinaus.

Bayerisches Nationalmuseum

Aus den reichen Keramikbeständen des Bayerischen Nationalmuseums sind hier vor allem Fayencen, Porzellane, Steinzeug und Steingut mit lokalem Bezug ausgewählt. Die Fayence-Manufakturen in Amberg und Sulzbach orientierten sich an der Nürnberger Produktion. Steinzeug des 17. Jahrhunderts aus Creußen genügte mit aufwendigem Dekor hohen Ansprüchen. Das hochgebrannte, harte Steinzeug hält Druck aus und eignete sich daher für den Transport von Mineralwasser. Hafnerware überzeugt mit praktikablen Formen und schlichten Dekoren. Viele der Porzellane haben Bezug zum Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor, der in Frankenthal eine eigene Manufaktur betrieb, die mit Meißen konkurrierte. Die chinesischen Teller zeigen das Allianzwappen seines Vaters Pfalzgraf Johann Christian von Sulzbach und dessen zweiter Gemahlin.

Form 2000

1952 begann die enge Zusammenarbeit zwischen Philip Rosenthal (1916-2001) und dem amerikanischen Designer Raymond Loewy (1893-1986). Ziel war es, das Unternehmen Rosenthal neu zu positionieren, ökonomisch voranzubringen und damit auch den amerikanischen Markt zu erobern.
Als herausragender Marketingexperte legte Loewy Wert darauf, dass man bei einem gutem Produktdesign marktpsychologisch auf den Konsumenten eingehen muss. Das Kaffee- und Speiseservice Form 2000 steht für sein Leitmotiv „Most Advanced Yet Acceptable“. Damit wird das Fortschrittlichste beschrieben, das aus Sicht des Konsumenten gerade noch akzeptabel ist.
Entworfen wurde die Form 2000 im Jahr 1953 von Loewys Chefdesigner Richard S. Latham (1920-1991). Mit der stromlinienförmigen, doppelkonischen X-Form entstand ein Meilenstein zwischen industriellem Design und keramischer Handwerkskunst, der zugleich neue Maßstäbe in Formgebung und Langlebigkeit setzte. Produziert wurde die Form 2000 von 1954 bis 1978 in mehr als 165 verschiedenen Dekoren. Die Entwürfe dafür lieferten namhafte Designer*innen wie beispielsweise Björn Wiinblad (1918-2006), Tapio Wirkkala (1915-1985), Alain Le Foll (1934-1981) oder Margret Hildebrand (1917-1998).
Die Dekorvielfalt reicht von monochromen Glasuren in neutralen Tönen (Weiß, Creme, Graphit) bis zu geometrischen Akzenten wie scharfen Linien und rahmenden Konturen, die die Form betonen, ohne dominierend zu wirken. Grafische oder abstrakte Muster schaffen subtile Kontraste. Andere Dekore verbinden klassische Silhouetten mit moderner Farbigkeit, greifen florale stilisierte organische Motive auf. Schattierungen oder farbige Akzente heben Griffe und Deckelknäufe hervor.
Wie kaum ein anderer Entwurf spiegelt die Form 2000 eine Epoche wider, in der Massengebrauch und künstlerische Gestaltung harmonisch zusammenwirkten.

Produktion

Porzellanherstellung und Studiokeramik markieren zwei Wege keramischen Schaffens, die sich in Materialkunde, Technik und Ästhetik unterscheiden. Porzellan entstand historisch in China und fand später seinen Weg nach Europa. Typisch ist ein dreiteiliger Prozess: Rohstoffmischung, Formgebung und Brennvorgang. Die Rohstoffe kaolinhaltiger Naturton, Feldspat und Quarz werden sorgfältig gemischt, sodass feinste Partikel und eine glasige Bindung entstehen.
Am Beispiel der über Jahrzehnte produzierten, von Hermann Gretsch 1931 für die Porzellanfabrik Arzberg entworfenen Kaffeekanne Form 1382 lassen sich die einzelnen Schritte im Produktionsprozess veranschaulichen:
Die flüssige Rohstoffmischung (Schlicker) kommt in die Gipsform. Nach der Trocknung kann die lederharte Kanne entnommen werden. Einzelne Teile wie Henkel, Deckel werden zusammengefügt, die Grate verputzt und die Kanne erstmals gebrannt (Bisquitbrand). Dabei schrumpft das Volumen zwischen 12 und 15%. Danach erfolgt der Glasurauftrag in Verbindung mit verschiedenen Dekortechniken. Die Glasur verschmilzt im Hochbrand (Glattbrand) zu einer glatten, dichten Oberfläche. Anschließend können noch zusätzliche Dekortechniken zum Einsatz kommen.
Studiokeramik hingegen konzentriert sich stärker auf Handarbeit, Experiment und individuelle Ausdrucksformen. Typische Materialien sind Ton, Steinzeug, Schamotte oder leichtere Keramiken, aber auch Porzellan. Formen entstehen durch Drehen auf der Töpferscheibe, Gießen in Formen, Aufbau von Streifen und Platten oder freies Modellieren. Nach der Trocknung erfolgt der Brand – meist ein Vorbrand, eventuell gefolgt von einem Glasurbrand oder weiteren Bränden. Teilweise wird auch auf Glasur verzichtet und sich anderer Dekorationstechniken bedient.

Der Standort Weiden

Seit dem 14. Jahrhundert entwickelte sich die an der „Goldenen Straße“ von Nürnberg nach Prag gelegene Stadt Weiden zu einem wichtigen Knotenpunkt für den Handel. Der Anschluss an das Streckennetz der Eisenbahn – 1863 erreichte der erste Personenzug Weiden – begünstigte die Ansiedlung von Industriebetrieben. Neben den Glas- und Textilherstellern waren es vor allem die Porzellanfabriken, die den Industriestandort Weiden prägten. Die reichen Kaolinvorkommen im nahe gelegenen Hirschau (Landkreis Amberg-Sulzbach) – die weiße Tonerde Kaolin gehört zu den Grundstoffen für die Porzellanherstellung –, die Verfügbarkeit der böhmischen Braunkohle, aber auch das Vorhandensein von Arbeitskräften boten ideale Voraussetzungen für den Aufbau der Porzellanindustrie. 1881 gründeten die Brüder August und Conrad Bauscher die erste Porzellanfabrik in Weiden, die bis heute überwiegend für Hotellerie, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung produziert. Seit 1998 firmiert Bauscher unter BHS Tabletop und gehört inzwischen zu den größten Porzellanherstellern Europas. Das zweite noch heute existierende Familiennternehmen wurde 1910 von Christian Wilhelm Seltmann gegründet. Die frühe Fokussierung auf Automatisierung und Modernisierung der Porzellanherstellung lieferte die Grundlage für die heutige Position als eine der modernsten Porzellanfabriken Europas, die zudem ausschließlich in Deutschland produziert. Der dritte Porzellanhersteller aus Weiden war die Porzellanfabrik Bavaria AG im Stadtteil Ullersricht, wo zwischen 1920 und 1931 hochwertiges Gebrauchs-sowie Zierporzellan hergestellt wurde. Auch wenn dieses Unternehmen heute nicht mehr existiert, ist das Thema Porzellan allein schon durch Bauscher und Seltmann
untrennbar mit der Stadt Weiden verbunden.